Wattwil, den 16. Mai 2006

Dr. med. Reinhard Fischer
Chirurgie FMH – Phlebologie SGP
Hembergerstr. 20, CH–9630 Wattwill
Tel.: 71–988 11 87, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!


Sehr geehrter Herr Prof. Perruchoud
Sehr geehrter Herr Prof. Mihatsch
Lieber Herr Kollege Fröscher

Jedesmal, wenn ich eingeladen werde, über mich selbst zu berichten, bekomme ich ein ganz spezifisches, ambivalentes und unsicheres Gefühl. Immer ist es auch eine Herausforderung zum Überarbeiten eines Stücks Vergangenheit und es ist auch etwas Schönes. Ich danke Ihnen freundlich für die Gelegenheit, die Sie mir geben.

Hier finden Sie einige meiner Erfahrungen.

Dem interessanten und wichtigen Projekt „Erzählte Erfahrung“ wünsche ich einen weiterhin guten Erfolg und ein konstruktives Echo.

Mit freundlichen Grüssen
Dr. med. Reinhard Fischer

 


 

Das Studium begann ich ohne zu wissen, wie ich es bis zum Abschluss finanzieren sollte. Meine Grossmutter hatte mir 5000 Franken gegeben. Zudem hatte ich die Sicherheit, dass ich bei den Eltern jederzeit gratis wohnen und essen durfte. Mein Vater war Rektor des Gymnasiums Biel. Seine Lebensgrundlage war das Hochgeistige. Ich jedoch spürte, dass dies für mich nicht zutreffen konnte.  Für mich war vielmehr der gesunde Menschenverstand massgeblich, der an der Basis unseres Volkes zu finden ist. Auch brauchte ich Distanz zum Elternhaus.

 Studium, Krieg und Vertretungen

p01Deshalb fuhr ich zu meinem Studium nicht nach Bern, was für mich von Biel aus günstig hätte studieren können, sondern nach Basel, wo mir Emil Schubarth, Lehrer am Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Gymnasium in seiner Familie ein Zimmer angeboten hatte. In dieser Zeit las ich oft Gotthelf. Ich nahm einige Reitstunden und liess mich als Sanitätskorporal in eine Emmentaler Schwadron umteilen. Unter den dortigen bäuerlichen Prachtskerlen, mit denen ich die Wintermonate an der Grenze verbrachte, fand ich die Lebensbasis, die ich suchte. Während meines Studiums in Basel war die Kriegssituation omnipräsent. Es kam vor, dass die Artilleriegranaten über unsere Köpfe hinwegpfiffen, wenn wir auf den grossen Wiesen zwischen Basel und Riehen den Bauern halfen. In den Hörsälen war es kalt. Die Vorlesung in der Pathologie besuchten wir im Wintermantel, und in den grossen Vorlesungen sassen oft kaum 20 Studenten, weil die anderen Militärdienst leisteten. Oft durfte ich im Merian Iselin Spital assistieren, dessen Chefarzt Edwin Scheidegger bei meinem Vater zur Schule gegangen war. Er war der Bruder des für seine Repetitorien in Pathologischer Anatomie bekannten Prof. Siegfried Scheidegger. Mit grossem Interesse beobachtete ich als Auswärtiger das soziale Leben der Basler Kommilitoninnen und Kommilitonen, das vorwiegend unter sich in ihren Verbindungen und Familien stattfand. In vollen Zügen genoss ich die Basler Kultur, die wunderschönen Bauten, die unvergleichlichen Konzerte im Münster, die mit Stolz und Liebe verwalteten Museen und auch die Rheinfähren. Im alten Pfalzbadhysli unter der Münsterpfalz gab es Kleiderhaken, an denen gebrauchte Badehosen hingen, bezeichnet mit den guten Namen bekannter Basler Familien. Hatte man sich in Birsfelden der Strömung des Rheins anvertraut, dann erschien etwa unter der Wettsteinbrücke links am Horizont das Münster, ein immer aufs Neue beeindruckender Anblick. Auch die gewaltige Spannung vor dem ersten „Morgestraich, vorwärts marsch“ nach Kriegsende auf dem Marktplatz bleibt unvergesslich.

 Das erste klinische Praktikum absolvierte ich in Altstätten SG unter dem allgemein verehrten Chefarzt Albert Hildebrand. Dort beschloss ich, dereinst Leiter eines Landspitals zu werden. Wie damals üblich, machte ich oft Vertretungen von Hausärzten, die Militärdienst leisteten. Dabei verdiente ich gut, das heisst etwa zwanzig bis fünfundzwanzig Franken im Tag, womit ich den Rest des Studiums finanzierte. Meine besten Ferien waren der Dienst im Sattel in Feld und Wald mit meinen Dragonern. Militärdienst und Vertretungen brachten es mit sich, dass ich während weit weniger als den halben Semesterzeiten an der Universität war. Dass ich trotzdem das Studium im Zeitminimum abschloss, habe ich auch den Professoren zu verdanken, die uns unterstützten, wohlwissend, was in diesen Zeiten für unser Land wirklich wichtig war, aber auch unseren „Mädchen“, den Komilitoninnen, die uns ganz selbstverständlich ihre Skripts zur Verfügung stellten, wenn wir vom Militärdienst zurückkamen.

 Dissertation, Grenzsanitätsdienst und Pathologische Anatomie in Utrecht

p02Der Kinderarzt Prof. Adolf Hottinger, der im wunderschönen Weissen Haus neben dem heute zur Universität gehörenden Kernschen Haus auf dem Petersplatz wohnte, gab mir das Dissertationsthema „Die Beeinflussung der Thyroxinwirkung durch Vitamin E im Kaulquappen-Metamorphoseversuch“. Mein Onkel, ein Geschirrgrossist, stellte mir 100 Konfitürengläser zur Verfügung, die ich in einem selbstgezimmerten Gestell auf einem von der Cheflaborantin im Kinderspital überlassenen Tisch aufstellte. In den Tümpeln um Basel fand ich den nötigen Froschlaich. Es dauerte nicht lange, bis die Abteilungs-schwestern die munteren Kaulquappen entdeckten und sie für ihre Kinder in den Patientenzimmern aufstellten. So wurde die Dissertation im ganzen Spital bekannt, auch dem Chefarzt Prof. Ernst  Freu-denberg, der mich an meinem Ar-beitsplatz aufsuchte, um zu sehen, wo diese kleinen munteren Tierchen herkamen. Eine Klasse des Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Gymnasiums machte die statistischen Berechnungen. Es faszinierte mich, immer neue Versuchsanordnungen und Methoden zu erfinden, bis mir Hottinger eines Tages sagte „So, jetzt wird abgeschlossen!“

p03Der erwähnte Edwin Scheidegger war Major und Kommandant des Grenzsanitätsdienstes Basel. Dieser bestand aus zehn vollamtlichen Ärzten und 80  Frauen. Dienstchef FHD 2. AK  Elsi Ankli und ich koordinierten die Einsätze. Unsere Aufgabe war z. B. die Gesundheitskontrolle an den Grenzübergängen. Wer diesen Dienst im Badischen Bahnhof versah, musste dort schlafen. Diesen Posten schätzte ich besonders, weil ich auf diese Weise schlafend das Geld für meine Dissertation verdiente, an der ich tags über arbeitete.p04 Dort empfing ich eines Nachts auch den vom Krieg gezeichneten Karl Jaspers bei seiner Einreise in die Schweiz.   Bewegend war die Aufnahme von Kindergruppen aus den kriegsversehrten Ländern. Die Kinder wurden zunächst entlaust: Man blies das eben erst erfundene Neocid mit Hilfe eines Kompressors in beide Ärmel, die Hosenstösse, die Halsöffnung und den Hosenbund. Ich hörte nie von irgendwelchen schädlichen Nebenwirkungen des Neocid bei denjenigen, die es am Kompressor stundenlang kiloweise einbliesen. Dann wurden die Kinder im Badehäuschen des Elsässerbahnhofs geduscht, ärztlich untersucht und anschliessend sauber und gesund dem militärischen Frauenhilfsdienst unter dem Kommando des Schweizerischen Roten Kreuzes zur Verteilung auf die Gastgeberfamilien übergeben. Neben der verdienten Initiantin, Dr. h.c. Mathilde Paravicini, begegnete man dort weiteren bekannten Namen, zB. Leida Feldpausch-DeBoer, auch Frauen von Dozenten, wie Anni Henschen.

p05Da die Universität Basel die vom Krieg beeinträchtigte Universität Utrecht unterstützt hatte, bot diese an ihrem angesehenen Institut für Pathologie als Dank für einen Basler Absolventen ein Stipendium an. Ich war der glückliche Gewinner. Bei meiner Arbeit im Grenz-sanitätsdienst hatte ich u. a. die Betriebe des Rheinhafen mit seinen Menschen kennen gelernt. So lud ich denn eines Tages meinen riesigen Wäschekorb und mein Fahrrad auf einen holländischen Rheinfrachter, auf dem ich bis Holland mitfahren durfte. Für den Kapitän war die Fahrt wegen der vielen Wracks und den zerstörten Brücken sehr schwierig und gefährlich. Einzig die Brücke von Remagen stand noch.  - Als Gast in der Familie eines Direktors der Nederlandsche Spoorwegen (Eisenbahnen) erfuhr ich, wie sehr die starke familiezentrierte Kultur der Holländer und das Königshaus dem Volk die Kraft gegeben hatten, die furchtbare Besetzungszeit tapfer, zäh und oft auch raffiniert zu überstehen. p06In der Zeit, als die Universität durch die Besetzer geschlossen war, hatte Prof. Nieuwenhuijse verbotenerweise unter Lebensgefahr Vorlesungen abgehalten, Examen durchgeführt und behelfsmässige Zeugnisse ausgestellt, mit denen die Medizinstudenten sofort nach dem Krieg weiterstudieren konnten. Unsere schweizerischen Kriegserlebnisse schienen mir demgegenüber unbedeutend. - Dank meiner Ausbildung in der Pathologie konnte ich mir während meiner ganzen chirurgischen Tätigkeit das Substrat der klinischen Diagnosen viel besser vorstellen und die histologischen Diagnosen klarer interpretieren.

Ausbildung in Gynäkologie und Chirurgie:

Biel: Gynäkologie und Geburtshilfe lernte ich am Bezirksspital Biel bei dem angesehenen und sicheren Chefarzt Fritz Egli.

St. Gallen: Den chirurgischen Rucksack erwarb ich beim Chefarzt der Chirurgischen Abteilung des Kantonsspitals St. Gallen Josef Oberholzer. Er stammte aus der Bircher Schule, hatte ein sympathisch-bescheidenes Auftreten und wusste mit seinem gesunden Menschenverstand seine riesige Abteilung von 300 Betten klar zu führen. Ein Kongress-Löwe hingegen war er nicht. Er hatte ein sicheres Gefühl, welche der vielen angepriesenen Neuerungen sich auf die Dauer bewähren würden. So war St. Gallen eines der ersten Grossspitäler, das die Bluttransfusion, die ärztlich geleitete Narkose und schliesslich die Zweiteilung in die viszerale und die Chirurgie des Bewegungsapparates einführte.

Walenstadt: Als der St. Galler Oberarzt Otto Keller zum Chefarzt des Kantonalen Krankenhauses Walenstadt gewählt wurde, nahm er mich als seinen Oberarzt mit. Mit ihm lernte ich, wie ganz anders die Dienstleistung am Landspital ist, und welcher Segen ein mit der Region verbundenes Spital bedeutet.

p07Mayo Clinic (www.mayoclinic.org): Nun wollte ich aber die Chirurgie und das Spitalwesen auch an einem der weltbesten Plätze kennen lernen und meldete mich bei der Mayo Clinic in Rochester, Minnesota, USA. Der Bewerbung hatte ich unter anderem acht Referenzen beizulegen: Je zwei für die Schulzeit, das Studium, die Ausbildung nach dem Staatsexamen und für die Persönlichkeit. Bei allen acht holte die Mayo Clinic Zeugnisse ein und stellte zum Teil sogar noch Rückfragen. Die Mayo Clinic ist im Grunde nichts anderes als eine riesige nichtöffentliche Gruppenpraxis mit insgesamt über 2.500 Ärzten und 42.000 Angestellten. Sie behandelt im Jahr über eine halbe Million Patienten. Am Anfang stand William W. Mayo, Landarzt in der kleinen Ortschaft Rochester in den ruhigen und langweiligen landwirtschaftlichen Weiten des nordamerikanischen Kontinents. Die Wende zum Ausserordentlichen brachten seine Söhne William J. und und Charles H., beide bedeutende und ausgezeichnete Chirurgen, welche mehr und mehr Patienten und ärztliche Mitarbeiter nach Rochester anzogen. Dort arbeitete ich als Stipendiat oder Fellow, was in der Schweiz einem Assistenten oder Oberarzt entspricht. Mit Ausnahme des Donnerstags hatten wir jeden Abend 20.00 Uhr Fortbildung. Auf der Abteilung für gynäkologische Chirurgie zum Beispiel konnte ich nur jedes zweite Abendessen samt Nacht und jeden zweiten Sonntag in der Familie verbringen. Meine Frau arbeitete halbtags als Krankenschwester und verdiente dabei ebenso viel wie ich. Die Fellowships waren derart gesucht, dass sich die Clinic dies erlauben konnte. Die strenge Disziplin, der ganz hervorragende Unterricht und die Chance, mit der medizinischen Weltprominenz arbeiten zu können, kompensierten den mageren Lohn vollauf. Ich bin keinem Absolventen eines solchen Fellowships begegnet, der nicht für sein ganzes Berufsleben von der Mayo Clinic geprägt worden wäre. Viele wurden in ihren Ländern führende Fachleute und Professoren. Ich fragte mich, wie es möglich ist, dass die Mayo Clinic seit ihrem Beginn Mitte des vorletzten Jahrhunderts trotz ihres abgelegenen Standorts bis heute stetig wächst, und konnte drei Merkmale identifizieren: 

  1.  Die schier grenzenlose Geduld und Zuwendung gegenüber jedem Patienten
  2. Die gepflegte hochstehende Kultur des kollegialen Umgangs
  3. Die möglichst weitgehende und vernünftige Spezialisierung

Die meisten fest angestellten Ärzte rekrutiert die Clinic unter den Absolventen der Fellowships, welche ihre Arbeitskultur ja bereits übernommen haben. Ihr Lohn ist eher bescheiden, doch schätzen gerade viele gute Ärzte die idealen Arbeitsbedingungen und die soziale Sicherheit. Für andere spielt die ausgezeichnete Möglichkeit zur Forschung und Lehre eine Rolle. Mit der gleichen Sorgfalt wie die medizinische Arbeit wird übrigens auch das für die Clinic lebensnotwendige Fundraising betrieben.

Wieder St. Gallen: Von Rochester kehrte ich wieder an die Chirurgische Klinik des Kantonsspitals St. Gallen zurück, diesmal als jüngster Oberarzt. Von dort wurde ich, nachdem ich inzwischen erster Oberarzt und Stellvertreter des Chefarztes geworden war, als Chefarzt und Direktor des Spitals Wattwil gewählt.

 Spital Wattwil

Das Spital: Von meinem Vorgänger, dem ausserordentlich begabten Basler Chirurgen Andreas Christ, durfte ich 1959 „sein“ wohlorganisiertes Spital im Toggenburg übernehmen. Dieses kulturell und politisch einheitliche Tal war ein Einzugsgebiet idealer Grösse und sein Spital von Chefarztbewerbern sehr gesucht. Andreas Christ beherrschte noch die allgemeine Medizin, die Geburtshilfe und Gynäkologie, sowie die Chirurgie von der Tonsillektomie und der Zahnextraktion bis zur Frakturbehandlung und der Magenresektion. Dies alles war zu Beginn deshalb auch meine Aufgabe. Schon bald war es möglich, eine eigene Abteilung für Innere Medizin und später für Geburtshilfe und Gynäkologische zu gründen. Auch für die Spezialitäten ORL, Neurologie, Kieferchirurgie, Gastroenterologie, Urologie und schliesslich Orthopädie konnten wir gute Médecins adjoints gewinnen. Das Vorhandensein solcher Spezialisten brachte weitere Chancen für das Tal. Mit dem Kinderarzt z. B. konnte ich eine von ihm geleitete Beratungsstelle für Bewegungsstörungen POS gründen. Zusammen mit meinem Walenstadter Chefarztkollegen Otto Keller und dank dem Weitblick des damaligen Regierungsrates Dr. Gottfried Hoby haben wir dieses Konzept der Grundversorgung mit den drei Hauptdisziplinen und den Médecins adjoints für weitere Landspitäler ausgearbeitet. Es bekam Modellcharakter. Die Arbeit in diesem Kollegium war beruflich mein schönster Lebensabschnitt, und ich war glücklich, dass diese Dienstleistung von den Hausärzten und der Bevölkerung genutzt  wurde. – Die Infrastruktur des Spitals wurde zu Beginn meiner Tätigkeit weitgehend durch die Ingenbohler Schwestern geführt. Dank ihrer Pflegekompetenz in der damaligen Medizin und ihrem grossen Einsatz war es möglich, mit 5 Ärzten ein ähnliches Pensum zu leisten wie heute, einige Dekaden später, mit 27 Ärzten. p08Auch das Labor und die Röntgenabteilung wurden durch diese Schwestern besorgt. Die Küchenschwester kochte für Patienten und Personal, und im Herbst machte sie das Gemüse und die Früchte für das folgende Jahr ein. Wir Ärzte stellten die Indikation, operierten die Patienten, und die Ingenbohler Schwestern besorgten das Übrige. Dies ist natürlich übertrieben, charakterisiert aber am besten den Unterschied zu heute. – Das Spital war ursprünglich von Industriellen gestiftet und zu Beginn von ihnen selbst sehr kompetent und sparsam präsidiert worden. Später übernahm meist der Gemeindammann ebenso kompetent diese Aufgabe. Die aus der Industrie stammende Spartradition wurde von allen Präsidenten weitergeführt, ohne dass deswegen die Behandlungsqualität gelitten hätte. So wurde Wattwil nach dem Kantonsspital zum frequenzstärksten Spital im Kanton und blieb trotz seiner weit vorangetriebenen Spezialisierung auch das preisgünstigste. 

Die Arbeitsgemeinschaft für Osteosynthesefragen  (Urs F. A. Heim: Das Phänomen AO,  Hans Huber Bern 2001): Die Vorteile der stabilen Osteosynthese bei der Knochenbruchbehandlung sind die Erübrigung eines Gipsverbandes und damit die sofortige aktive Beweglichkeit und teilweise Benutzbarkeit, die ideale Reposition, das weitgehende Ausbleiben des Muskelschwundes und der Gelenksteife, die Verminderung des Thromboembolierisikos und der verkürzte Spitalaufenthalt. p09Um dieses zu erreichen, brauchte es neue Implantate, Instrumente und Operationstechniken. Diese wurden weitgehend von meinem Bieler Schulkameraden Maurice E. Müller erfunden und zusammen mit Martin Allgöwer und Hans Willenegger aus der Basler Nissen-Schule sowie Robert Schneider vom Bezirksspital Grosshöchstetten BE weiterentwickelt. Zu ihnen gesellten sich einige weitere Chirurgen und gründeten die Arbeitsgemeinschaft für Osteosynthesefragen (AO). Der Mechaniker Robert Mathys in Bettlach, der die Produktion in einer Garage begonnen hatte, produzierte nun in einer Fabrik. Dazu kam die Firma Straumann (später Synthes). Wattwil hatte eines der ersten AO-Spitäler. In unserer Sportregion bewährte sich die Methode sehr gut. Mit der Charakteristik einer Bewegung breitete sich die AO nun international aus. – Wenn eine Kuh eine Unterkieferfraktur erlitt, dann musste sie bisher geschlachtet werden, weil sie nicht mehr fressen konnte. Warum sollten nicht auch wertvolle Tiere so behandelt und damit gerettet werden können? Unser Kieferchirurg, Marc Frey, bekannt als Pionier der Ka-riesprophylaxe, war ein weiterer Bieler Schulkamerad. Wir versorgten in der Garage des Nesslauer Veterinärs Willy Eppenberger die Unterkieferfraktur eines wertvollen Zuchtrindes mit ei- einer breiten AO-Druckplatte. p10Das Tier frass anderntags wieder. Dies war wohl die weltweit erste stabile AO-Osteosynthese an einem Nutztier. In der AO trug jedes Mitglied zum Fortschritt bei, und die Mitglieder standen zudem oft in Verbindung mit begeisterten Fachleuten in ihren Regionen. Unser Fachmann im Toggenburg war der Werkzeugmacher Heinrich Scheu, der bei technischen Problemen auch im Operationssaal stand. Mit ihm erfanden wir das Schraubenmessgerät und die Plattenbiege-Presse. Nicht ganz ohne Stolz begegnete ich dann diesen Instrumenten in fremden Operationssälen, zum Beispiel in New York und Budapest. Ich denke, folgendes machte diese Erfolgsgeschichte möglich:

  •  Das freundschaftliche Zusammenfinden einiger innovativer Persönlichkeiten, die bereits miteinander vertraut waren, z. B. von der Schule oder dem Militär her
  • Ein regelmässiger, absolut offener und freundschaftlicher Gedankenaustausch, in Mundart besonders bei schwierigen Problemen
  • Auf den Listen sind alle Implantate und Instrumente als AO Produkte und nicht mit dem Namen der einzelnen Erfinder bezeichnet
  • Die Dokumentation und der überzeugte Unterricht
  • Die Mitglieder haben keine finanziellen Interessen

Auf jeden Fall bleibt die AO ein einmaliges Phänomen, das nicht nach Rezept repliziert werden kann.

Die Pflegerinnenschule Toggenburg-Linth: Nach dem Abzug der Ingenbohler Schwestern erlebten wir eine Zeit des Mangels an Pflegepersonal, der Wattwil ganz besonders traf und sogar seine Funktionsfähigkeit bedrohte. Zusammen mit den Chefärzten der benachbarten Spitäler gründete ich in Wattwil eine Pflegerinnenschule. Dabei wurden wir vom Vorsteher des Sanitätsdepartements Gottfried Hoby sehr wohlwollend und von Nina Vischer vom Schweizerischen Roten Kreuz mit persönlichem Engagement unterstützt. Der Leiterin Ida Binkert gelang es, was  wir Chefärzte uns erhofften, nämlich ausgezeichnete MitarbeiterInnen mit gesundem Menschenverstand und dem Herzen auf rechten Fleck auszubilden. Den jungen Frauen aus dem für die Rekrutierung günstigen ländlichen Einzugsgebiet bot sie in der eigenen Region Gelegenheit zur Ausbildung in einem sinnvollen und zukunftssicheren Beruf.

 Varizenchirurgie: Da ich die Varizen in Wattwil so operierte, wie ich es an der Mayo Clinic gelernt hatte, gab es bald eine Warteliste von über zwei Jahren. Dies kann ebenso problematisch sein wie der Mangel an Patienten. Um mich zu entlasten, schrieb ich für meine chirurgischen Kollegen das kleine Lehrbuch „Die chirurgische Behandlung der Varizen“, was mir Vortragseinladungen und interessante Besucher im Operationssaal eintrug. Doch lange Zeit gab es dann in dieser Chirurgie keine weiteren Fortschritte, was mich langweilte und bedrückte. Insbesondere sollte man die Operation weniger invasiv durchführen können. Endlich aber kam Bewegung in die Varizenbehandlung. International massgebliche statistische Grundlagen schaffte Prof. Leo Widmer mit seiner Frau Marie-Theres und seiner Gruppe mit der grossen Basler Studie. Es war für mich ein grosses Privileg, dass ich bei Widmers Anlässen mitarbeiten durfte. Mit seinem Nachfolger Prof. Kurt Jaeger ging diese Zusammenarbeit weiter, und mit dessen Mitarbeiterin, der an der Uni und am Spital Bruderholz tätigen Christina  Jeanneret realisiere ich bis heute gemeinsame Projekte. – Während mehrerer Jahre lud ich zweimal jährlich  vielversprechende Nachwuchs-Venenchirurgen zu einem Arbeitskreis für Varizenchirurgie(AfV) ein, mit dem wir jeweils ein phlebologisches Zentrum besuchten und die neuen Methoden diskutierten. Mein eigener Beitrag war der Universalstripper, mit dem jeder Chirurg auf seine bevorzugte Weise strippen kann und die Anregung, die Varizenoperation in Blutleere in Betracht zu ziehen. p11Die ehemaligen Mitglieder der AfV findet man heute in der deutschen und schweizerischen venenchirurgischen Prominenz. – Der deutsche Chirurg Gerhard Hauer publizierte die endoskopische und damit minimalinvasive Behandlung der Perforansvenen und Wolfgang Hach die Operationen an der Unterschenkelfaszie, beides zur Behandlung der Unterschenkelgeschwüre und deren Vorstufen. Um diese Methoden zu bearbeiten, gründeten Hach und ich die Arbeitsgemeinschaft zum Studium der Fasziotomie und Endoskopie in der Venenchirurgie (AFE). Mit ihr entstanden zahlreiche Kurse und Publikationen.

Nach der Emeritierung am Spital Wattwil 1985

p12Ein Mitglied der genannten Basler Gruppe, mein früherer Assistent und Dissertand Georg Füllemann hatte in St. Gallen eine Praxis eröffnet und lud mich ein, in seinen Räumen eine Praxis zu führen. So operierte ich während vielen Jahren an den Privatkliniken der Ostschweiz. - Die phlebologische Therapie ist überschattet von häufigen Rezidiven. Diese haben oft mit Venenneubildungen an der Unterbindungsstelle der Einmündung der Rosenader (Vena saphena magna) in die grosse Oberschenkelvene (Vena femoralis) zu tun. Zu deren Erforschung gründete ich die “Saphenofemoral Recurrence Research Group“ (SRRG), die regelmässig zu Konferenzen und Demonstrationen zusammentritt.

Als ich mit dem Skifahren in unserem wunderschönen Toggenburg aufhörte, stellte ich auch meine operative Tätigkeit ein und arbeitete danach nur noch wissenschaftlich. Insgesamt habe ich über hundert Publikationen herausgegeben, darunter sechs Bücher oder Buchabschnitte. Ich war neunfacher Dissertationsvater, Reviewer der Zeitschrift „Phlebologie“, dazu eingeladen vom „Journal of Vascular Surgery“, bin Ehrenmitglied der Schweizerischen, Deutschen und von Varadys Internationaler Gesellschaft für Phlebologie und hatte weitere Ehrungen.

 Was aus meinen „Kindern“ wurde:

p13Einige Jahre nach meiner Emeritierung schloss der Kanton die Pflegerinnenschule Toggenburg-Linth. In den letzten Jahren wurde nach Management-Prinzipien das Spital Wattwil in die Spitalregion Fürstenland-Toggenburg eingegliedert, seine Verwaltung aufgehoben, und seine gynäkologischge-burtshilfliche Abteilung geschlossen. Diese schrittweise Dezimierung bereitet mir für das Toggenburg grossen Kummer. Das Prinzip „Ein Spital mit mehreren Standorten“ kann in Anbetracht der zunehmenden Spezialisierung für kleinere und mittelgrosse Spitäler eine Chance bedeuten. Wie die neue Vorsteherin des St. Gallischen Gesundheitsdepartements bekannt gibt, will sie dieses Prinzip beim Neuausbau von Wattwil zu einem qualitativ hochstehenden und den Nachbarspitälern ebenbürtigen Akutspital nutzen. – Das Gedankengut der Arbeitsgemeinschaft für Osteosynthesefragen (AO) breitete sich in allen Kontinenten aus. Die begleitenden Produktionsstätten haben heute einen Umsatz von über einer Milliarde Dollar. Auch mein Nachfolger in Wattwil beteiligt sich aktiv an ihrer Forschung und Lehre. Die Entwicklung der AO geschah vor der Zeit der Ethikkommissionen. Es stellt sich die Frage, ob mit ihrer Intervention diese nützliche Entwicklung verzögert oder verhindert worden wäre. Unter diesem Aspekt denke ich auch an die Blutleere für die Varizenchirurgie, die ich seinerzeit ohne Vorabklärungen einführte, und die heute weltweit angewandt wird. Für die peer review gilt ähnliches, besonders wenn Aussenseiter Arbeiten einreichen.  – Die Beratungsstelle für Bewegungsstörungen ist gewachsen. Ihr Schwerpunkt bewegt sich von der Heilgymnastik (Bobath) in Richtung Logopädie und Ergotherapie.

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Nachdem die Fragen um die Perforanten-Endoskopie weitgehend geklärt sind, bearbeitet die Arbeitsgemeinschaft für Fasziotomie und Endoskopie in der Venenchirurgie (AFE), nun unter Joachim Hermanns in Krefeld, das Ulcus Cruris und heisst dementsprechend heute Operative Ulcustherapie - Arbeitsgemeinschaft (OUT AG). – Die Saphenofemoral Recurrence Research Group (SRRG) forscht heute unter Marianne deMaeseneer von der Universität Antwerpen und Norbert Frings von Bad Bertrich zusammen mit Jim Chandler von der University of Colorado äusserst erfolgreich, kommt überraschend schnell voran, und ihre Mitglieder publizieren laufend in den international führenden Zeitschriften.


 Doch ausser den oben erwähnten „Kindern“ habe ich zusammen mit meiner Frau, der Kinderschwester Elisabeth Fischer-Kreis, auch vier leibliche Kinder und sechs Enkel. Ein Leben wie das meine bedeutet für eine Partnerin unter anderem Zumutungen und Ansprüche. Meine Frau, bereits in ihrem Elternhaus an die Arbeit in Seilschaften gewohnt, war dem gewachsen, und sie hat mir neben ihren wichtigen Aufgaben in unserer Familie auch im Berufsleben beispielhaft stets den Rücken freigehalten.