AWMF-Leitlinien-Register Nr. 037/008 Entwicklungsstufe: 1 nicht aktualisiert

Leitlinien sind systematisch erarbeitete Empfehlungen, um den Kliniker und Praktiker bei Entscheidungen über eine angemessene Versorgung des Patienten im Rahmen spezifischer klinischer Umstände zu unterstützen. Leitlinien gelten für "Standardsituationen" und berücksichtigen die aktuellen, zu den entsprechenden Fragestellungen zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen Erkenntnisse. Leitlinien bedürfen der ständigen Überprüfung und eventuell der Änderung auf dem Boden des wissenschaftlichen Erkenntnisstandes und der Praktikabilität in der täglichen Praxis. Durch die Leitlinien soll die Methodenfreiheit des Arztes nicht eingeschränkt werden. Ihre Beachtung garantiert nicht in jedem Fall den diagnostischen und therapeutischen Erfolg. Leitlinien erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die Entscheidung über die Angemessenheit der zu ergreifenden Maßnahmen trifft der Arzt unter Berücksichtigung der individuellen Problematik.

1. Definition

Photoplethysmographie und Licht-Reflexions-Rheographie sind synonym verwendete Begriffe. Es handelt sich um eine nichtinvasive Screeningmethode zur Funktionsbeurteilung des Venensystems der Extremitäten.

Infrarotlicht einer definierten Wellenlänge mit einem Absorptionsmaximum im nahen infraroten Bereich wird in die Haut eingestrahlt, der reflektierte Anteil wird registriert und aufgezeichnet. Der Anteil des reflektierten Infrarot-Lichtes ist abhängig vom Füllungszustand der kutanen Venenplexus, der sich während eines Bewegungsprogrammes ändert (1, 5, 7, 11, 22).

2. Indikationen

Abklärung auf funktionale Veränderungen im oberflächlichen und tiefen Venensystem (3, 6, 9, 12, 14).

3. Kontraindikation

keine

4. Durchführung

Die Untersuchung erfolgt nach einem standardisierten Untersuchungsprogramm. Folgendes muß beachtet werden (2, 13, 17, 19):

  • Standarduntersuchung am sitzenden Patienten
  • Der Winkel zwischen Ober- und Unterschenkel beträgt etwa 110 Grad
  • Der Meßkopf wird druckfrei auf makromorphologisch gesunder Haut befestigt
  • Die Lokalisation des Meßkopfes liegt bei der Standarduntersuchung ca. 10 cm oberhalb des Innenknöchels
  • Der Patient führt 8 bis 10 maximale Dorsalextensionen nach Metronomtakt (in der Regel in 10 - 15 Sekunden) im oberen Sprunggelenk durch
  • Auf eine konstante Raumtemperatur zwischen 20 und 24 Grad Celsius ist zu achten
  • Bei pathologischen Funktionswerten erfolgt eine weitere Differenzierung mit dem Tourniquet-Test
  • Andere Untersuchungspositionen (Stehen, Kipptisch) und Meßlokalisationen (lateraler Unterschenkel, Fuß) sind bei besonderen Fragestellungen möglich.

5. Dokumentation

Zur Beurteilung muß die Ergebniskurve dauerhaft auf Papier oder einem anderen Speichermedium aufgezeichnet werden.

6. Parameter

Der Hauptparameter der Untersuchungsmethode ist die venöse Wiederauffüllzeit (t0 in Sekunden. t0 wird vom höchsten Punkt der Kurve nach dem Bewegungsprogramm bis zum Wiedererreichen eines stabilien Reflexionswertes über 5 Sekunden gemessen (2.22). Dieser kann oben, in Höhe oder unter dem Ausgangsreflex liegen. Zur Absicherung automotisch ausgewerteter Parameter ist die zusätzliche visuelle Bewertung der Meßkurve notwendig. Es gelten folgende Bewertungskriterien:

t0Befund
> 25 sec. = Normalbefund
20 - 25 sec. = venöse Funktionsstörung I. Grades
10 - 19 sec. = venöse Funktionsstörung II. Grades
< 10 sec. = venöse Funktionsstörung III. Grades

Bei Abweichungen von der Standarduntersuchung müssen andere Werte zugrunde gelegt werden.

Fehlermöglichkeiten

Bei der Durchführung und Beurteilung der Untersuchung müssen eine Reihe von Fehlermöglichkeiten berücksichtigt werden. Die wichtigsten sind (8, 15, 27):

  • zu hohe oder zu niedrige Hauttemperatur (23)
  • trophische Störungen, Erythem, Ekzem, Narbenbildung, Infektion oder Salbenreste im Untersuchungsbereich
  • Bei der Untersuchung von Kindern und Jugendlichen im Standardverfahren ergeben sich häufig auch bei gesundem Venensystem erniedrigte Werte für t0, die eine Venenkrankheit vortäuschen (10, 18)
  • Die ausgeprägte Einschränkung der Beweglichkeit im oberen Sprunggelenk oder andere Beeinträchtigungen der Gelenk- und Muskelpumpen führen zu erniedrigten Funktionswerten. Durch eine ausgeprägte arterielle Verschlußkrankheit kann t0 verlängert sein
  • Ein zu fest oder zu locker angelegter Tourniquet beeinträchtigt die Aussagefähigkeit des Tourniquet-Testes
  • Hämodynamisch wirksame Perforanten unterhalb des Tourniquets können eine nicht besserbare venöse Insuffizienz vortäuschen
  • Reduzierte Compliance des Patienten beim Bewegungsprogramm
  • Lokalisation der Meßsonde direkt über einer größeren epifaszialen Vene

7. Aussagefähigkeit

Die Licht-Reflexions-Rheographie / Photolethysmographie ist eine Screeningmethode zur orientierenden Funktionsbeurteilung des Venensystems vorwiegend hinsichtlich einer Klappenfunktionsstörung (20, 21, 24, 25, 26). Sie kann auch zur Funktionskontrolle vor und nach invasiver Therapie am Venensystem eingesetzt werden. Mit Hilfe des Tourniquet-Testes kann zwischen einer venösen Funktionseinschränkung im oberflächlichen und tiefen Venensystem orientierend differenziert werden. Die Methode ist nicht zur Thrombosediagnostik geeignet.


8. Literatur

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  • Blazek V, May R, Stemmer R, Wienert V. Die Standardisierung der LRR-Untersuchung. In: May R, Stemmer R (Hrsg.): Die Lichtreflexions-Rheographie. perimed, Erlangen 1984, 151 - 155
  • Blatek V, Wienert V, May R. Gesicherte Erkenntnisse und neue Anwendungsmöglichkeiten der Licht-Reflexions-Rheographie. Phlebol Proktol 14, 1985, 74 - 77
  • Gerlach HE. Diagnostische Wertigkeiten der LRR versus Venenverschlußplethysmographie (VVP) bei der isolierten akuten tiefen Unterschenkelvenenthrombose. In: May R, Stemmer R (Hrsg.): LRR - Licht-Reflexions-Rheographie. Perimed. Erlangen, 1984, 83 - 84
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  • Hertzman AB. Photoelectric Plethysmography of the Fingers and Toes in Man. Proc Soc Exper Biol & Med 37, 1937b, 529 - 534
  • Hohlbaum GG. Irrtümer und Probleme bei der Anwendung des LRR-Gerätes in der Praxis. In May R, Stemmer R (Hrsg.): LRR - Die Licht-Reflexions-Rheographie. perimed, Erlangen 1984, 145 - 148
  • Hübner K. Ist die Licht-Reflexions-Rheographie (LRR) als Screeningmethode für die phlebologische Praxis geeignet? Phlebol Proktol 17, 1986, 209 - 212
  • Kerner J, Schultz-Ehrenburg U, Lechner W. Quantitative Photoplethysmographie be gesunden Erwachsenen, Kindern und Schwangeren und bei Varizenpatienten. Phlebol 21, 1992, 134 - 139
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  • Weindorf N, Schulzte-Ehrenburg U. Der Wert der Photoplethysmographie (Licht-Reflexions-Rheographie) in der Phlebologie. VASA 15, 1986, 397 - 406
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  • Wienert V, Rütten M. Der Einfluß unterschiedlicher Temperaturen auf die venöse Hämodynamik der unteren Extremität. Phlebol Proktol 13, 1984a, 25 - 26
  • Wienert N. Lichtreflexionsrheographie. Möglichkeiten und Grenzen. Z Hautkr 60, 1985, 1850 - 1854
  • Wienert V, Blazek V, Mayer O. Nichtinvasive hämodynamische Untersuchungen vor und nach Babcock-Stripping. Phlebol Proktol 15, 1986, 72 - 74
  • Wienert V. Besserbare und nicht besserbare Beinveneninsuffizienz. Phlebol Proktol 17, 1988, 93 - 95
  • Wienert V. Anwendungsfehler und Fehlinterpretationen bei der Lichtreflexionsrheographie. Phlebol 20, 1991, 126 - 130

Diese Leitlinien wurden im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie (DGP), e-mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, ausgearbeitet und vom Vorstand und dem Wissenschaftlichen Beirat der DGP am 16. September 1996 verabschiedet. Diese Leitlinien berücksichtigen den aktuellen Stand der Literatur, jedoch nicht die in jedem Land unterschiedlichen Zulassungsbestimmungen für verschiedene Pharmaka (14.9.1996).

Erarbeitet von: E. Rabe, D. Berg, H. Gerlach, J. Seycek, R. Stemmer, V. Wienert

Zuletzt aktualisiert: 28. 02. 1998

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