AWMF-Leitlinien-RegisterNr. 037/007Entwicklungsstufe:2

1. Definition

Medizinische Thromboseprophylaxe-Strümpfe (MTS) sind rundgestrickt und nahtlos. Ihnen geben eingearbeitete elastische Fasern komprimierende Eigenschaften. Hierdurch wirkt beim Tragen des MTS gleichmäßiger Druck auf das Bein; er bewirkt eine Reduzierung des Querschnitts der Venen, eine Beschleunigung des venösen Rückstroms und verbessert die Funktion der Venenklappen. Aufgrund dieser Wirkungsweisen dienen MTS der Prävention der Thromboembolie beim liegenden Patienten. Es wird auch auf die Leitlinie: "Thromboembolieprophylaxe" verwiesen.

2. Indikationen

MTS sind indiziert zur prä-, intra- und postoperativen, zur peri- und postpartalen Thrombembolieprophylaxe und auch bei bettlägerigen Patienten. Sie sollten präoperativ und für mindestens sieben Tage postoperativ getragen werden. Für diese Empfehlungen gibt es jedoch kein Erkenntnismaterial.

3. Absolute Kontraindikation

sind die fortgeschrittene periphere arterielle Verschlußkrankheit und die Phlegmasia coerulea dolens.

4. Relative Kontraindikation

ist die fortgeschrittene periphere Neuropathie (z.B. bei Diabetes mellitus).

5. Risiken und Nebenwirkungen

Auf ischämische Komplikationen wie Hautnekrosen ist in Abhängigkeit von der Lagerung zu achten. Besondere Probleme können bei nicht ansprechbaren Intensivpatienten mit peripherer arterieller Verschlußkrankheit und/oder peripherer Neuropathie auftreten (Callum et al., Heath et al., Kay et al., Lentner et al., Merrett et al.). Die korrekte Anpassung und das korrekte Anziehen muß gewährleistet sein.

6. Qualitäten

Bis heute gibt es keine verbindlich vorgeschriebenen Kriterien hinsichtlich Größe, Größenbestimmung, Druck, Druckverlauf am Bein. Es existiert aber eine Europäische Vornorm (ENV 12719) des Comitée Européen de Normalisation (CEN) vom August 2001.

6.1. Strumpfausführungen und -längen

MTS werden als Schenkelstrümpfe angeboten, einige Hersteller produzieren zusätzlich noch Kniestrümpfe. MTS werden zur Zeit noch je nach Produkt in 3-9 Größen geliefert. In der neuen Europäischen Vornorm werden die Längenmaße für Knie- und Schenkelstrümpfe von distal nach proximal durch die Meßpunkte B bis G angegeben. Kniestrümpfe z.B. sollen dann in drei verschiedenen Längen angeboten werden: kurz von 41-43 cm, normal von 45-49 cm und lang von 51-53 cm. Der Umgang mit der Vielzahl der angebotenen Größen ist in der Praxis schwierig durchzuführen.

6.2. Strumpfumfänge

Die neue Norm wird folgende Meßpunkte für die Umfangmaße des schlanken, normalen und kräftigen Beins von distal nach proximal fordern: B, B1, C, D, E, F und G. So sollen z.B. im Bereich unterhalb des Knies E Strümpfe mit den Umfängen von 30-54 cm angeboten werden.

6.3. Fußspitze und Ferse

MTS sollten eine offene Fußspitze und eine nicht verformte, sondern gestrickte geschlossene Ferse haben.

6.4. Andruckwerte und Druckverlauf

Der Andruck sollte nach Meinung der Experten keinesfalls an irgendeiner Stelle 21 mmHg überschreiten.
Die Europäische Vornorm fordert einen Druck von 13-18 mmHg im Knöchelbereich, mit einer Toleranz von +/-3 mmHg. Der Druckverlauf muß nach proximal abnehmen, so soll er oberhalb des Knöchels 80-100% betragen, unterhalb des Knies 60-80% und Mitte Oberschenkel 30-70% des am Fußknöchel aufgebrachten Druckes aufweisen. MTS müssen mindestens eine Längsdehnung von 30% und eine Querdehnung von 120% haben.
Die angegebenen Werte in der Europäischen Vornorm sind empirisch festgelegt worden, weil kein entsprechendes Erkenntnismaterial vorliegt.

6.5. Materialzusammensetzung

Die MTS sind aus Polyamid (Nylon®, Perlon®) Elastan (Lycra®), Polyurethan oder Polyester (Diolen®, Trevira®) gefertigt. Sie sollten keine Formaldehyd-, Nickel- und Chrom-IV-Verbindungen enthalten und ungefärbt sein.

6.6. Haltbarkeit

MTS können 10mal gewaschen (gekocht, dampfsterilisiert, chemisch sterilisiert) werden, ohne deutlichen Elastizitätsverlust (ENV 12719).

6.7. Kennzeichnung

An den MTS selbst müssen laut ENV 12719 dauerhaft etikettiert sein: Name der Herstellerfirma, das Produkt, Haupt-Inhaltsstoffe und Größe.

7. Wirksamkeit

Wie effektiv sind MTS als alleinige Prophylaxe der tiefen Beinvenenthrombose?

  1. Option bei allgemeinchirurgischen Patienten
    Wir fanden neun randomisierte kontrollierte Studien; die Patienten wurden mittels Radiofibrinogentest zum Ausschluß einer tiefen Beinvenenthrombose (TVT) untersucht. Es zeigte sich eine starke Evidenz dafür, dass MTS das Risiko einer TVT vermindern.
    Autor (Jahr) n mit MTS
    TVT %
    ohne MTS
    TVT %
    Odds Ratio
    Holford (1976) 95 23 49 0,31
    Scurr et al. (1977) 140 11 37 0,22
    Törngren (1980) 196 4 12 0,31
    Allan et al. (1983) 200 15 36 0,33
    Bergqvist et al. (1984) 160 0 10 0,00
    Wille-Jorgensen et al. (1985) 176 2 12 0,17
    Mellbring et al. (1986) 108 2 4 0,49
    Scurr et al. (1987) 156 1 9 0,13
    Wille-Jorgensen et al. (1991) 166 2 14 0,14
    Gesamt 1397 7 20
  2. Option bei Patienten mit Hüftgelenksersatz-OP
    Wir fanden drei randomisierte kontrollierte Studien, bei denen die Patienten mit einer Phlebographie untersucht worden waren.
    Autor (Jahr)n mit MTS
    TVT %
    ohne MTS
    TVT %
    Odds Ratio
    Ishak et al. (1981) 76 20 54 0,22
    Fredin et al. (1989) 90 30 46 0,50
    Kalodiki et al. (1996) 52 32 93 0,04
    Gesamt 218 27 64
  3. Option bei Patientinen mit gynäkologischen Operationen
    Turner et al. (1984) konnten in einer randomisierten kontrollierten Studie den Wert von MTS an 196 Patientinnen zeigen, die sich einer größeren gynäkologischen Operation unterziehen mussten. In der Verumgruppe erlitt keine Patientin eine tiefe Beinvenenthrombose (TVT), in der Kontrollgruppe 4%. Somit zeigte sich, dass MTS im Vergleich zu Plazebo wirksam ist. Weitere klinische Studien sollten durchgeführt werden.
  4. Option bei Patienten mit internistischen Erkrankungen
    In einer Studie konnten an 80 Herzinsuffizienz-Patienten, die älter als 80 Jahre waren, gezeigt werden, dass in der Kontrollgruppe an acht Beinen und in der Verumgruppe an keinem Bein eine TVT entstanden ist (Kierkgaard und Norgren).

Wie effektiv sind MTS im Vergleich zu anderen prophylaktischen Methoden?

  1. Option MTS mit oder ohne Low-Dose-Heparin (LDH)-Therapie
    Bei allgemeinchirurgischen Patienten konnte mittels Radiofibrinogentest in fünf Studien gezeigt werden, dass die Kombination MTS plus LDH das Risiko einer TVT stärker verringert als nur die Gabe von LDH.
    Autor (Jahr) n LDH+MTS
    TVT %
    LDH
    TVT %
    Törngren (1980) 196 4 12
    Borow et al. (1983) 119 3 27
    Wille-Jorgensen et al. (1985) 186 2 12
    Fasting et al. (1985) 97 6 9
    Wille-Jorgensen et al. (1991) 160 3 15
    Gesamt 758 4 15
  2. Option MTS mit oder ohne Niedrig-Molekulares-Heparin (NMH)-Therapie
    Mittels Phlebographie konnte in einzelnen Studien bei Patienten mit Hüftgelenksersatz-OP, mit neurochirurgischen Eingriffen und mit Kniegelenksoperationen nachgewiesen werden, dass der positive Effekt durch Gabe von NMH durch die zusätzliche Anwendung von MTS bei Patienten mit mäßigem und hohem Risiko noch gesteigert werden konnte.
    Autor (Jahr) n NMH+MTS
    TVT %
    MTS
    TVT %
    Lassen et al. (1991) 97 31 46
    Kalodiki et al. (1996) 32 25 38
    Nurmohamed et al. (1996) 244 14 21
    Levine et al. (1996) 124 30 48
    Gesamt 497 25 38
  3. Option MTS versus intermittierender pneumatischer Kompression (IPK)
    Nach neurochirurgischen, urologischen und kardiologischen Eingriffen wurden die Patienten mit verschiedenen Methoden auf das Vorhandensein einer TVT untersucht. Es konnte in Studien gezeigt werden, dass MTS versus IPK und auch MTS versus MTS plus IPK bei den Patienten mit ähnlichen Thromboseraten zu rechnen ist.
    Es fand sich also kein Unterschied in der Thrombosehäufigkeit nach Anwendung von MTS versus IPK und auch nicht bei MTS versus MTS plus IPK.
    Autor (Jahr) n MTS
    TVT %
    IPK
    TVT %
    MTS+IPK
    TVT %
    Bucci et al. (1989) 38 3 3
    Turpie et al. (1989) 80 9 9
    Hansberry et al. (1991) 25 20 13
    Goldhaber et al. (1995) 172 22 19

Wie effektiv sind Knie- oder Schenkelstrümpfe?

Die meisten Studien wurden mit Schenkelstrümpfen durchgeführt. Diese Strümpfe rutschen leicht am Oberschenkel tiefer und hängen so lose oberhalb des Knies, können aber auch in dieser Region zur Abschnürung führen.
Porteous et al. verglichen die Prävention einer TVT mit knie- und oberschenkellangen Strümpfen und konnten mit Hilfe des Radiofibrinogentests zeigen, dass es keine signifikanten Unterschiede gibt.
Weitere Studien sind notwendig, um diese Ergebnisse evident zu sichern.
Der MTS bei Patienten in jeder Risikogruppe als Basismaßnahme zu empfehlen. Ab mittlerem Thromboserisiko wird der MTS nicht als alleinige Maßnahme, sondern zusätzlich zu einer spezifischen Prophylaxe angeraten. Bei Patienten in der Niedrigrisikogruppe ist der MTS als alleinige Thromboseprophylaxe geeignet.


Literatur:

  • Allan A, Williams JT, Bolton JP et al.: The use of graduated compression stockings in the prevention of postoperative deep vein thrombosis. Br. J. Surg. 70, 172-174, 1983
  • Bergqvist D, Lindblad B: The thromboprophylactic effect of graded elastic compression stockings in combination with dextran 70. Arch. Surg. 119, 1329-1331, 1984
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  • CEN: Europäische Vornom pr ENV 12719 (Aug. 2001) Medical thrombosis prophylaxis hosiery
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  • Kierkgaard A, Norgren L: Graduated compression stockings in the prevention of deep vein thrombosis in patients with acute myocardial infarction. Europ. Heart Journal 14, 1365-1368, 1993
  • Lassen MR, Borris LC, Christiansen HM et al.: Prevention of thromboembolism in 190 hip arthroplasties. Comparison of LMW heparin and placebo. Acta Orthop. Scand. 62, 33-38, 1991
  • Lentner A, Wienert V: Schäden durch Antithrombosestrümpfe. Dtsch. Med. W'schrift 119, 1803, 1994
  • Levine MN, Gent M, Hirsh J et al.: Ardeparin (LMWH) versus graduated compression stockings for the prevention of venous thromboembolism. A randomized trial in patients undergoing knee surgery. Arch. Intern. Med. 156, 851-856, 1996
  • Mellbring G, Palmer K: Prophylaxis of deep vein thrombosis after major abdominal surgery. Comparison between dihydroergotamine-heparin and intermittent pneumatic calf compression and evaluation of added graduated static compression. Acta Chir. Scand. 152, 597-600, 1986
  • Merrett ND, Hanel KC: Ischaemic complications of graduated compression stockings in the treatment of deep venous thrombosis. Postgrad. Med. J. 69, 232-234, 1993
  • Nurmohamed MT, van Riel AM, Henkens CMA et al.: Low molecular weight heparin and compression stockings in the prevention of venous thromboembolism in neurosurgery. Thromb. Haemost. 75, 233-238, 1996
  • Porteous LMJ, Nicholson EA, Morris LT et al.: Thigh length versus knee length stockings in the prevention of deep vein thrombosis. Br. J. Surg. 76, 296-297, 1989
  • Scurr JH, Ibrahim SJ, Faber RG et al.: The efficacy of graduated compression stockings in the prevention of deep vein thrombosis. Br. J. Surg. 64, 371-373, 1977
  • Scurr JH, Coleridge Smith PD, Hasty JH: Regimen for improved effectiveness of intermittent pneumatic compression in deep venous thrombosis prophylaxis. Surgery 102, 816-820, 1987
  • Törngren S: Low dose heparin and compression stockings in the prevention of postoperative deep venous thrombosis. Br. J. Surg. 67, 482-484, 1980
  • Turner GM, Cole SE, Brooks JH: The efficacy of graduated stockings in the prevention of deep venous thrombosis after major gynaecological surgery. Br. J. Obstet. Gynaecol. 91, 588-599, 1984
  • Turpie AGG, Hirsh J, Gent M et al.: Prevention of deep vein thrombosis in potential neurosurgical patients. A randomized trial comparing graduated stockings alone or graduated stockings plus intermittent pneumatic compression with control. Arch. Intern. Med. 149, 679-681, 1989
  • Wille-Jorgensen P, Thorup J, Fischer A et al.: Heparin with and without graded compression stockings in the prevention of thromboembolism complications of major abdominal surgery: a randomized trial. Br. J. Surg. 72, 579-581, 1985
  • Wille-Jorgensen P, Hauch O, Dimo B et al.: Prophylaxis of deep venous thrombosis after acute abdominal operation. Surg. Gyn. Obstet. 172, 44-48, 1991

Verfahren zur Konsensbildung:

Diese Leitlinie wurde im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie (DGP) www.phlebology.de ausgearbeitet und vom Vorstand und dem Wissenschaftlichen Beirat der DGP am 16. Juni 1996 verabschiedet. Diese Leitlinie berücksichtigt den aktuellen Stand der Literatur, jedoch nicht die in jedem Land unterschiedlichen Zulassungsbestimmungen für verschiedene Pharmaka.

Autoren:
V. Wienert; F. Waldermann, M. Zabel, E. Rabe, M. Jünger, B. Kahle, E. Foldi

Korrespondenzadresse

Dr. med. Georg Gallenkemper
Gemeinschaftspraxis für Gefäßmedizin
Neue Linner Straße 86
47799 Krefeld
Tel.: 02151 / 56987-0
Fax: 02151 / 56987-29
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Homepage: www.gallenkemper.de

Erstellungsdatum:
16. Juni 1996

Letzte Überarbeitung:
6. Mai 2004

Nächste Überprüfung geplant:
Januar 2007